„Geh doch lieber raus, Ball-Spielen!“

In dieser Woche hat sich die ARD Apple vorgeknöpft. Montag war Apple-Tag im Ersten. Weil ja auch das Erste möglichst guten Audience Flow zu generieren versucht, war auch das Thema der Talkrunde bei Plasberg, die auch auf SPON diskutiert wurde in die Richtung „was mit Internet“ gedrückt worden. Wenn ÖR-TV „was mit Internet“ macht, wird das entweder verboten („Mediathek“) oder es geht schief.

Die Pessimisten bekommen Beifall

Bei Plasberg wurden die Kulturpessimisten bemüht. Ein Gymnasiallehrer fordert, Kindern einen „asketischen Umgang“ mit Web und Mobile anzuerziehen und dominierte damit die Runde, bekam viel Beifall, vielleicht weil das ARD-Publikum insgeheim hofft, dass sich der Apple-, Google- und Facebook-Spuk bald erledigt und morgen jemand das Internet endlich wieder anschaltet.

Wie kann man sich als Lehrer ins Fernsehen setzen und mit fast religiösem Eifer im Internet und im Smartphone die Quelle alles Bösen verorten und eine Bewahrpädagogik proklamieren? Ein Einzelfall ist das nicht, viele im Bildungssystem ticken so.

Die Quelle alles Bösen

Das erinnert mich an die Frühzeit der PC, die eigentlich noch keine waren: Die Einplatinen-Computerchen von Commodore, Sinclair und Atari der späten 80er Jahre. Ein Aufschrei ging durch durchs Land („der sitzt immer nur vor’m Computer“) und Eltern forderten die Kinder auf, doch mal lieber ein bisschen raus zu gehen und Ball zu spielen.

Ich erinnere mich, dass seinerzeit im Fernsehen Berichte von Auslandsreportern liefen, in denen von Kindern in Japan die Rede war, die sich die PCs selber zusammenbauen. Die gingen in Tokyo einfach in Elektronikkaufhäuser und kauften sich die Bauteile zusammen. „Wo stehen wir da Deutschland?“ war eine frühe besorgte Fragestellung, wo die Kinder maximal mit Lego-Technik-Steinen spielten.  

Wo ist die Internetindustrie in Deutschland?

Das hat sich ausgewirkt. Deutschland hat im PC Bereich schnell den Anschluss verloren. Der PC Markt war von amerikanischen Unternehmen dominiert, die Marken kamen aus Fernost. Die deutschen Renommierunternehmen wie Siemens oder Grundig waren einfach nicht in der Lage, sowas wie einen Personal Computer zu entwickeln. Startups – auch wenn man die neuen Firmen nicht so genannt hat – übernahmen das  – aber im Ausland. Siemens hat in den 90ern noch versucht, Handies zu bauen und sich eine blutige Nase geholt. Zu spät, keine Kompetenz!

Im Web das Gleiche: Deutschland war das Land, in dem man anfangs bei der „Deutschen Bundespost“, die Modems verboten hat und Akustikkoppler nicht ganz verbieten konnte, um einen ISDN Anschluss betteln. In Frankreich hat man mit Minitel wenigstens versucht, ein Punkt-zu-Punk-Medium zu etablieren.

Als der große Internethype kam waren zwar einige deutsche Internetfirmen entstanden, nach der ersten Blase waren gefühlte 70% wieder verschwunden.

Heute gibt es noch eine Handvoll wichtige Internetunternehmen mit Sitz in Deutschland wie vielleicht 1 & 1 / United Internet. Sucht man nach einem zweiten, ähnlichen Anbieter muss man schon länger überlegen. Oft wird T-Online genannt, hervorgegangen aus dem ehemaligen Fernsprechmonopolisten. Die neuen Player mit innovativen Ideen fehlen.

Quelle: IDC 2010, WIk Consult

Geblieben sind ein paar Verlagsprojekte und Onlineshops (auch hier haben viele Unternehmen die Transversion Richtung Web nicht überlebt, siehe Neckermann und Quelle). Natürlich gibt es viele Spezialanbieter, dominierend sind aber – was uns ja aber auch nicht so gut gefällt – amerikanische Anbieter wie Apple und Google.

Land der Häuserverpixeler

Gibt es in Deutschland eine besondere Art Technikfeindlichkeit, einen starken Argwohn gegen alles Neue? Wir verstricken uns in Internet-Gesetzen, merken aber, dass die Rechtsprechung dennoch mit der Entwicklung nicht mithalten kann. Es herrscht der Glaube vor, es gäbe eine „virtuelle Welt“ als künstlicher Gegenentwurf zur „realen Welt“ und beide hätten nichts miteinander zu tun. Fatalerweise wird dabei offensichtlich das „Virtuelle“ für qualitativ minderwertiger gehalten als das „Echte“, „Wirkliche“, „Anfassbare“.

Das Anonymitätsbedürfnis wie der Hang zum Häuserverpixeln, der Zwang, sich bloß nicht in die Karten schauen zu lassen? Transparenz (die gegenüber Politikern, Banken, Unternehmen aber eingefordert wird) als der große kollektive Feind?

Veröffentlicht von

Markus Käkenmeister

Interessiert an Technologie, Politik, Psychologie. Seit 2000 beruflich im Web (Internetbranche) als Marketing Manager und Product Manager Schwerpunkt Community/Dating, Hosting, Domains, Cloud

2 Gedanken zu „„Geh doch lieber raus, Ball-Spielen!““

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