Session 4D Cinema

WHDglobal 2017 – eine Mischung aus Festival und Kongress der Cloud-Branche im Europapark Rust

WHD global steht für die deutsche beziehungsweise europäische Ausgabe der WordHostingDays,die mittlerweile Ableger in USA, Indien und China haben. Die Technikkonferenz findet seit einigen Jahren immer im März kurz vor der Saisoneröffnung des Europaparks in Rust statt. Es sind dort genug Hotelkapazitäten und Konferenzräume verfügbar. Zudem bietet die Parkinfrastruktur auch viele Möglichkeiten, die Kombination aus Fachausstellung und Konferenz zum Event zu machen. Die WHD sind so etwas für die Cloud-Branche wie die Demexco für die Digitalvermarkter. Der Event hat den Charakter eines Klassentreffens.

Die sich verändernde Marktstruktur macht sich auch bei diesem Event bemerkbar. Der Namensbestandteil „Hosting“ nimmt Bezug auf eine Dienstleistung, die in der heutigen Wahrnehmung und Begriffsbildung von „Cloud“ abgelöst worden ist. Seinerzeit, vor vielleicht 13 Jahren, fanden Hersteller von Hardware, die man in Rechenzentren braucht, also Elemente wie Server, Switches, Router und dergleichen ein Forum, um sich Anbietern zu präsentieren, die ihrerseits Server- und damit Rechenkapazität vermietet haben.

Europapark Rust 2017Europapark Rust WHDglobal 2017

Die prominentesten Vertreter dieser Dienstleister waren Hostingunternehmen, die hauptsächlich genutzt wurden, damit eine Website ins Netz gebracht werden konnte.

Paradigmenwechsel

Ausgehend von der Idee, die eigene Serverkapazität gewinnbringend zu vermieten, wenn man sie nicht selbst braucht, hat Amazon das Produkt AWS für „Amazon Web Service“ formuliert und ist bis heute damit sehr erfolgreich.

Wesentlich war aber nicht die Größe, sondern die Virtualisierung von Serverhardware. Damit lassen sich Lasten – oder wie man auch sagt, Workloads – flexibler verteilen. Solche virtuellen Maschinen lassen sich von einem Hardwareserver auf einen anderen relativ einfach verschieben. Zudem schafft man es so, Serverkapazität nach Bedarf und nicht nur pauschal bereit zu stellen, sondern nach Bedarf. Da die Server virtuell sind, lassen sie sich schnell umkonfigurieren, so dass der Arbeitsspeicher erhöht oder verringert werden kann oder mehr Prozessorleistung des Grundsystems für eine virtuelle Maschine erhöht oder verringert werden kann.

Wenn insgesamt mehr Kapazität gebraucht wird, kann man zusätzliche virtuelle Server hinzufügen, von denen jeder einen Teil der Arbeit übernimmt. Die Abrechnung erfolgt dann gemäß der punktuell gebuchten Leistungen. Das alles subsumiert sich hinter dem nebulösen Begriff Cloud. Man verlagert die typischen Aufgaben, die in einem eigenen Rechenzentrum anfallen von eigenen Servern auf fremde, virtuelle Server. Das kann unter dem Strich billiger für den Kunden sein, muss es aber nicht. Einfacher ist jedoch die Zugänglichkeit: Ohne große Vertragsgestaltung, nur mit der Kreditkarte, lässt sich ein virtueller Server buchen. Man muss keine Leistungselemente zusammensuchen oder auf Basis einer langfristigen Bedarfsplanung bestellen. Dieses Konzept war in gewisser Weise disruptiv für die etablierten Betreiber von Rechenzentren.

Dieses Prinzip hat den Markt verändert, obwohl im Endeffekt die Dienstleistung zwischen Hosting auf eigenen Servern und Hosting in der Cloud sehr vergleichbar sind. Der augenfälligste Vorteil ist womöglich, dass nun Kunden keine eigene Hardware mehr kaufen oder leasen müssen. Der Preis dafür ist, dass diese Kunden nicht wirklich genau wissen, wo ihre Daten sind und wie damit umgegangen wird.

Längst wird AWS nicht mehr aus Überkapazitäten produziert, sondern umfasst bei Amazon eigene Teams, Rechenzentren und Strategien, Services und Microservices, die man punktuell buchen kann. Dieser Geschäftsbereich ist auch innerhalb des Amazon Imperiums als Umsatzbringer bedeutend.

Diesem Prinzip folgend haben einige andere kapitalkräftige Unternehmen wie Microsoft und auch Google riesige Datacenter geschaffen und rund um den Erdball platziert. So lassen sich für Kunden, die weltweit agieren, in kurzer Zeit in jedem wichtigen Markt Präsenzen aufbauen. Aus diesen Virtualisierungsprinzipien verbunden mit riesigen Datacentern sind neue Möglichkeiten entstanden, mit denen große Datenmengen in den Griff zu bekommen sind. Das macht Big Data und Internet of Things möglich.

Dennoch bleibt aber der Bedarf nach Leistungen wie dem Betrieb einer Website bestehen. Die Hostingbranche reagierte auf die Cloud-Virtualisierungsevolution mit Mergers und Akquisitionen und man versuchte, den zersplitterten Markt zu bereinigen – was offenbar schwer gelingt. Trotz milliardenschwerer Übernahmen gibt es Tausende Anbieter, die man gar nicht alle aufkaufen kann, von Konsolidierung ist wenig zu sehen. Womöglich ist die Situation nun gut mit der der Druckereibranche vergleichbar: Da gibt es sehr große Anbieter mit extrem hoher Kapazität, viele mittelgroße und spezialisierte Druckereien und sehr viele kleine Feld- und Wiesendruckereien bis hinunter zum Copyshop. Erstaunlicherweise ist nach den Megaübernahmen bisher wenig an Vorteilen für die Kunden entstanden. Konsolidierung ist eben nicht zwangsläufig mit Innovation verknüpft.

Die großen Cloudanbieter Amazon, Google, Microsoft sind überhaupt nicht vertreten. Amazon war nie zugegen, Microsoft war sehr engagiert als es darum ging, Windows für Server im Datacentermarkt zu platzieren. Inzwischen führen Windows Server in der Statistik. Nun, im Jahr 2017, ist Microsoft bei diesem Event nicht vertreten gewesen, obwohl mit Azure ein wichtiges Cloud-Produkt vermarktet wird.

Die wichtigsten Sponsoren sind – neben Hardwareanbietern (auch die sind noch da) – Anbieter, die Dienste entwickelt haben, um Clouddienste zu ermöglichen, zu ergänzen oder darauf aufzubauen. Das sind Sicherheitslösungen, Software, um Cloudsysteme zu orchestrieren.  Es finden sich Anbieter, die Dashboard bereitsstellen, Websitebuilder, SEO-Tools, Maildienste und Domainregistrierer.

Session "Is traditional hosting dead" beim WHD.global 2017
Is traditional hosting dead?

Der große Run auf Massenhosting der Jahrtausendwende als breite Schichten eine eigene Homepage bauen wollten, ist Geschichte. Heute möchte jemand, der eine Website betreibt, einem gesetzten Ziel näherkommen. Einfache persönliche Webseiten (mein Auto, mein Hobby, mein Hund…) sind längst durch Facebookpostings und Instagramfotos. Websites, die heute entstehen, sind Seiten für Unternehmen, Online Shops, Affiliateseiten oder Blogger berichten über ihre Reisen oder Themen, die sie bewegen. Für diese Kunden ist die Website Teil des Marketings und es wird der Site ein gewisser Wert zugemessen.

Die World Hosting Days sind die Erfindung von von Thomas Strohe, der im Europapark nun sein eigenes Straßenschild hat. Der Event hat sich gut entwickelt, das Format hat der Branche eine Art gemeinsame Klammer gegeben, die angesichts der unterschiedlichen Art der Unternehmen sicher sehr wichtig war. Seine Firma, Server4You als Teil der Intergenia AG ist mittlerweile nun Teil der Host Europe Group, die wiederum inzwischen zu GoDaddy gehört. Insofern müsste das Asset WHD in Form der Worldhostingdays GmbH mit in das Konglomerat von GoDaddy übergegangen sein. Wie die Gruppe künftig damit verfährt, ist schwer abzuschätzen. Sicher wird es schwer, die Veranstaltung als neutrale Plattform vermarkten. Weder die Host Europe Gruppe (HEG) noch GoDaddy waren sichtbar, letztere zumindest ein wenig als Sponsor des Hackathon-Teils zu Beginn der Veranstaltung.  Das Thema Merger and Akquisitions war in mindestens zwei Sessions als Hauptthema aufgegriffen worden, einmal von Ewan Perry (Spezialist für ME), von Roy Duncan (451 Research)

Wenig Präsenz zeigten Anbieter, die Anwendungen auf den Markt brachten, die sinnvollerweise auf einem Servercluster unterzubringen wären. Dazu gehören Analyseprogramme für Big Data, Systeme für Künstliche Intelligenz und ähnliche Dinge – möglicherweise trifft man diese Anbieter nur auf der Cebit, die nur Tage früher stattfand, vielleicht fehlt aber in der Konzeption genau diese Verbindungslinie zwischen der Hardware oder Cloud und möglichen Anwendungen.

Wer genauer hinsah, hatte dann doch einige wenige Vertreter von Anwendungen gefunden gewesen. So zum Beispiel CMS Garden, einer gemeinsamen Initiative, die bekannte Open Source Content Management Systeme wie Joomla und Drupal vertritt.

Aber könnte man bei so einem Event nicht auch zeigen, wie man Tensure Flow (die Google KI Bibliothek unter einer Open Source Lizenz) auf einem Apache Hadoop Cluster aufsetzt und mit Daten füttert. Dies sind wahrscheinlich konkrete Anwendungen, auf die sich Programmierer und Entwickler stürzen müssen. Schließlich war das inoffizielle Credo bei vielen Vorträgen der diesjährigen Veranstaltung die Aufforderung, den Zuhörern nahezulegen, keine Technik verkaufen zu wollen, sondern die Lösung für ein Problem. Um eine Analogie zu bemühen: Weniger versuchen die Bohrmaschine anzupreisen, sondern die Lösung für die Frage, die bekomme ich ein Loch in die Wand?

Der Eintritt ist für Besucher quasi kostenlos. Nominell werden etwa 349 Euro Teilnahmegebühr erhoben, doch als interessierter Besucher erhält man recht einfach Gratiscodes bei vielen Publikationen und auf der offiziellen Seite selbst. Man wird während der Besuchstage auf alle Fälle gut unterhalten und verköstigt.  Es gibt eine Smartphone-App zum einfacheren Kontaktieren anderer Besucher mit etwas Matchmaking. Allerdings scheint die App in der IOS-Version den Akku sehr zu belasten.

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Eine große „Connection“-Party steht in jedem Jahr auf dem Programm und bildet das gesellschaftliche Highlight. In diesem Jahr war bodenständiger Rock das Thema, unter anderem mit einem Auftritt von einem Teil von ZZ Top. Beliebt ist auch das „Bierfest“, bei dem das geboten wird, was sich ausländische Besucher von Deutschland vorstellen: Bierzeltmusik à la Oktoberfest.

WHD.global ist ein siebentägiges Festival, das digitale Technik und Online-Kreativität feiert wie kein anderes. Mehr als 6.500 Teilnehmer kommen zum WHD.global in Deutschlands größtem Freizeitpark, dem Europa-Park in Rust, um die neusten Trends bei Cloud Services und Internet-Infrastrukturen kennenzulernen. Damit ist es die weltweit größte Veranstaltung ihrer Art.

http://worldhostingdays.com/global/deutsch

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WHD Blog: http://worldhostingdays.com/blog/
Zur Zeit allerdings noch nur mit den Ankündigungstrailern für einige herausgehobene Sessions.

 

Veröffentlicht von

Markus Käkenmeister

Interessiert an Technologie, Politik, Psychologie. Seit 2000 beruflich im Web (Internetbranche) als Marketing Manager und Product Manager Schwerpunkt Community/Dating, Hosting, Domains, Cloud

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