Trendumkehr nach 16 Millionen registrierten .de Domains

Anfang 1994 zählte die Vergabestelle für Domainnamen unter der deutschen Länder-Top-Level-Domain, die Denic, ganze 1.123 Registrierungen. Das änderte sich schnell: Besonders Mitte 1995 und später noch einmal, so um 1998 bis 2000 wuchs die Zahl sehr schnell an. September/Oktober 1999 waren über eine Million Domainnamen unter .de registriert. Seitdem setzte sich das Wachstum fort. Mai/Juni 2006 war die Zehn-Millionen-Grenze überschritten (Quelle: Denic).

Rückläufige .de Domainregistrierzahlen
Frühjahr/Sommer 2018: Zum ersten Mal ist die Anzahl registrierter .de Domains rückläufig.

Zwar verlangsamte sich das Wachstum, doch von einigen Ausnahmen abgesehen, waren von Monat zu Monat mehr .de Domains registriert. Der Höhepunkt war im März 2018 erreicht.

Die Denic berichtete in der Statistik 16.315.784 registrierte Domains mit der Endung „.de“. Damit ist „.de“ die zweitgrößte Länder-Top-Level-Domain (ccTLD) nach „.cn“ für China beziehunsgweise auf Rang 3, wenn man die „missbrauchte“ und kostenlos verfügbare ccTLD „.tk“ für Tokelau miteinbezieht.

Zum ersten Mal ist die Anzahl registrierter .de Domains an mehreren darauffolgenden Monaten rückläufig

Seither allerdings scheint sich der Trend umzukehren: Seit mehreren Monaten in Folge sinkt die Zahl. Prozentual gesehen handelt es sich von Monat auf Monat zwar nur um einen Verlust von 0,1 bis 0,2 Prozent, aber die Richtung ist zumindest seit einigen Monaten stetig abwärts.

Bis Frühjahr 2018 kannte die Zahl registrierter Domainnamen immer nur eine Richtung, nämlich nach oben. Vor allem in den Nullerjahren wuchs die Anzahl stark. Vereinzelt gab es Monate mit negativer Differenz im Vergleich zum Monat. Nun beobachten wir eventuell eine Umkehr des Trends. 

Ab und an waren in der Geschichte der „.de“-Domains einzelne Monate mit deutlichen Verlusten zu sehen. Dass nun ab Frühjahr/Sommer 2018 mehrere Monate mit rückläufigen Zahlen ausgewiesen wurden, ist ungewohnt und neu. Möglicherweise ist hat also ein negativer Trend eingesetzt. Dann wäre die Frage, was bewirkte diesen Trend?

Über 16 Millionen Domainnamen für 83 Millionen Deutsche und 3,6 Millionen Unternehmen – ist da eine Sättigung erreicht?

Ursache könnte ein Sättigungseffekt sein. Domainnamen werden für Webseiten oder für E-Mail-Adressen benötigt, sind aber nicht kostenlos verfügbar. Nicht jeder der fast 83 Millionen Deutschen will und braucht eine eigene Domain und sicher haben viele der 3,6 Millionen Firmen bereits einen Domainnamen registriert. Da die Bevölkerung tendenziell wächst und immer mehr Firmen existieren, ist der Rückgang der Domainregistrierungen damit nicht zu erklären, wenn man unterstellt, dass der Grund, eine eigene Domain registiert zu haben, nicht weggefallen ist.

Vielleicht braucht man bald keine  Domainnamen mehr 

In den frühen Phasen des Word Wide Webs waren Suchmaschinen weniger leistungsfähig als heute. In dieser Zeit spielten Domainnamen eine größere Rolle, da mit dem Domainnamen der Unternehmensname oder der zu erwartende Inhalt des Webangebots, das damit aufgerufen werden kann, kommuniziert wurde. Damals war es nicht ungewöhnlich, dass sich User einen Domainnamen merkten und bei Bedarf aus dem Gedächtnis diesen Domainnamen direkt in die Adresszeile des Browsers eingaben.

Heute beginnt man eine Websession eher mit der Startseite einer Suchmaschine, in Deutschland ist das vorwiegend Google. Auch haben teilweise auch Soziale Netzwerke diese Startseitenrolle übernommen. Für Websuchen ist ein Domainname vielleicht immer noch wichtig, für eine Präsenz auf einer Plattform eher nicht.

Diese Inhalte werden anders entdeckt, etwa durch Netzwerkeffekte: Ein Unternehmen postet einen Beitrag auf der Plattform, andere Mitglieder interagieren oder teilen ihn, so dass er in den Newsfeeds und Timelines bei weiteren verbundenen Mitgliedern auftaucht. Ein Domainname ist dafür irrelevant. Möglicherweise spiegelt die gedämpfte Kurve der Registrierzahlen auch ein verändertes Nutzungverhalten der User wieder, das von einer weitgehenden Zentralisierung von Internetangeboten, der wachsenden Bedeutung von Plattformökonomien und einer „Containerisierung“ durch Apps vorgeprägt wird. Auch für Apps braucht man keine Domainnamen.

Eine Ausnahme besteht für Themen, mit denen sich sowohl Social Media Plattformen als auch Suchmaschinenanbieter aus produktpolitischen Gründen schwer tun. Zu den am häufigsten gesuchten Begriffen, wenn es um verfügbare Domainnamen unter einer beliebigen Top Level Domain geht, gehören „bets“, „fortnite“, „escort“, „betting“, „gambling“, „lottery“, „casino“, Begriffe also, die aktuell gehypted wurden wie Fortnite oder zum Themenkreis Glücksspiel oder Erotik gehören (Quelle: Verisign Domain Industry Brief Q2 2018).

Eine Analyse von Shareaholics zeigt, wie sich die Verteilung zwischen Referrer-Traffic über die Zeit verschoben hat. Offenbar führten Facebooks Änderungen am Algorithmus für den Newsfeed zu massiven Verlagerungen, zum einen hin in Richtung Suche und zum anderen auch zu anderen Social Media Plattformen wie Instagram oder Pinterest.

Domainregistrierzahlen hingen mit der Entwicklung des WWW immer zusammen

Die Entwicklung von Domainregistrierzahlen ist stark mit der Entwicklung des Word Wide Web verknüpft. Man darf annehmen, dass dann, wenn Registrierzahlen steigen, auch mehr Websites ins Netz gestellt werden. Seitdem neue generische Top Level Domains vermarktet werden, ist dieser Zusammenhang allerdings verwässert worden. Viele Domainhändler haben spekulativ offensichtlich attraktive Domainnamen unter neuen Top Level Domains auf Halde registriert.

Neue Top Level Domains haben es nicht leicht. Das potentielle Publikum erkennt nTLDs nicht auf den ersten Blick, der auf „.de“ oder „.com“ geeicht ist, zudem werden Domains dieser Art gerne für Spamming und Phishing benutzt. So verwundert es nicht, dass die Gesamtzahl registrierter neuer Top Level Domains ebenfalls rückläufig ist (Quelle: new gLTD Statistics). Auch Domainhändler lösen ihre Portfolios ab und auf, da auch Verlängerungen viel Geld kosten.

Auch bei Domainern, wie die Domainzwischenhändler genannt werden vernimmt man eher nur noch verhaltenen Optimismus. Über eine große Handelsplattform, Sedo, macht man sich schon vereinzelt Sorgen.

Teils turbulente Preis- und Produktpolitik bei Registries von neuen globalen Top Level Domains

Erschwerend kommt noch hinzu, dass Registries für neue Top Level Domains ihre Produkt- und Preispolitik ändern mussten, da die Zahlen hinter den Erwartungen zurückblieben. Dies führte zum Unmut auf Kundenseite, so dass die Reaktionen bei Domain-Resellern teilweise heftig waren.

Insgesamt ist Namensgebung sehr auf den angloamerikanischen Raum ausgelegt, abgesehen von einigen Domainnamen mit eindeutig regionalem oder lokalen Bezug wie „.berlin“ oder „.nrw“. Im Sommer 2018 waren gerade einmal um die 20.000 .nrw-Domains live.

Fazit

Es ist nicht anzunehmen, dass .de Domains durch neue Top Level Domains ersetzt werden würden. Möglicherweise lösen Domainhändler derzeit verstärkt ihre Portfolios auf oder setzen nur noch auf wirklich gute Domainnamen unter etablierten Top Level Domains wie „.com“.

Die Vermutung, dass Webseiten im großen Stil während des ersten Halbjahres verloren gingen, ist daher naheliegend. Möglicherweise hat die Datenschutzgrundverordnung, die im Mai schließlich rechtskräftig wurde, dafür gesorgt, dass Webseitenbetreiber ihre Seite vorsorglich aufgaben oder dass dies zum Anlass für eine Bereinigung nicht mehr benötigter Domains, die gegebenenfalls mit einer nicht mehr weiter benötigten Website verbunden waren, genommen wurde. Sollte ein DSGVO-Effekt dafür verantwortlich sein, sollten die .de-Registrierzahlen nach dem Sommer 2018 nun wieder steigen.

Ein anderer DSGVO-Aspekt könnte sich ebenfalls ausgewirkt haben: Bisher war das weltweite Domain-Whois nahezu frei zugänglich. Für jede Domain konnte der derzeitige Inhaber angezeigt werden. Wenn man also eine Mail mit einem bestimmten Mailabsender erhalten hat, konnte man prüfen, wer hinter der Domain steht. Ebenso im Falle von Websites, die man zunächst nicht kennt. Dies war eine einfache Methode Spam und Phishing zu enttarnen. 

Mit der DSGVO-Einführung ist das offene Domain-Whois gestorben. Nun kann nur ein sehr eingeschränkter Personenkreis auf die Daten zugreifen, etwa zum Zwecke der Strafverfolgung, Verhinderung von Urheberrechtsverletzung oder Markenpiraterie. Damit haben eigene, auf eine Firma oder eine Person registrierte Domainnamen die Vertrauenswürdigkeit verloren. Dies war bisher einer der stärksten Gründe, eine Domain zu registrieren. An der eigenen Domain hing die Identität des Inhabers.  Dies ist aktuell auch noch der Fall, nur ist dies nicht von jedermann so einfach überprüfbar. 

Dabei könnte das Domainbusiness insgesamt mehr Vertrauen brauchen. Es scheint die die Dynamik zu weichen. Abgesehen von einigen Erfolgs-nTLDs wie .top und .xyz, die massiv mit Niedrigpreisen gepusht worden sind, hält sich die Verbreitung von anderen neuen Top Level Domains sehr in Grenzen. Der Autor und Consultant John Levine schätzt, dass der gesamte Domainmarkt weltweit etwa drei bis fünf Milliarden US Dollar umfasst, wobei der Markt nur langsam wachsen würde. Das klingt viel, aber angesichts der Bereichsumsätze der Gafa-Unternehmen (Amazon Cloud 20 Milliarden, Google und Microsoft Cloud je 10 Miliarden US Dollar) relativiert sich die Zahl. Der weltgrößte Domainregistrar GoDaddy schreibt einen Jahresumsatz von gerade mal 2,5 Milliarden Dollar, wobei ein großer Teil der Umsätze eben auch nicht nur mit Domains erzielt wird. Um die Domainendung .web wird derzeit noch gerungen, noch ist sie nicht live. Um die 135 Milliarden Dollar wurden da geboten, vermutlich von Versign, das sich hinter der Firma Nu dot co verbirgt. 

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