„HSP Summit“: Europas Service-Provider suchen nach ihrer Zukunft

Diese Tage flatterten mir einige Meldungen in die Timelines: Die Vogel-IT-Akademie hat beim HSPSummit die Hosting  & Service Provider Awards 2019 vergeben. Grundlage für die Awards waren Onlinefragebögen, mit denen jeder seinen Lieblingsprovider in verschiedenen Kategorien wählen konnte.

Solche Awards spiegeln stets auch wider, so die Entwicklung im Technologiebereich gerade steht. Da der HSPSummit sich stark auf Deutschland bezieht, eignet sich eine nähere Betrachtung möglicherweise auch dafür, den Stand der deutschen Cloud-Landschaft zu beurteilen.

Wahl durch User

Basis der Awards ist ein Online-User-Voting. Zwar musste man sich als Umfrageteilnehmer leicht mit E-Mailadresse registrieren, wohl um Mehrfach-Votings etwas zu erschweren. Ansonsten aber konnte jeder teilnehmen. Es ging als nur mittelbar um Kritierien wie Innovation, Qualitätsmerkmale oder Kundennutzen. Das schmälert die Aussagekraft eines solchen Votings meiner Ansicht nach und erinnert ein wenig an die legendär-berüchtigten ADAC-Auto-des-Jahres-Leserwahlen. Konkrete Zahlen, d.h. Abstimmungsergebnisse in Form von Anzahl an Votes pro nominiertem Provider, werden nicht veröffentlicht. Hier die offizielle Pressemitteilung.

Bei solchen Gelegenheiten sieht man allerdings auch, wie viele Player und Provider eigentlich im Cloud-Markt sind. So finden sich immer noch viele Provider, die das preiswerte Shared Hosting („Webhosting“) anbieten. Die Produkte sind anbieterübergreifend recht ähnlich. In dieser Kategorie gingen die Preise an Hetzner Online, Strato und Alfahosting.

In letzter Zeit schälte sich als Qualitätsmerkmal die  Performance als wichtigstes Kriterium heraus. Ein Standardmessverfahren, das sich zur Beurteilung in diesem Segment immer mehr durchsetzt, basiert darauf, eine WordPress-Installation auf einem Webhostingpaket aufzusetzen und die Time to First Byte zu messen. Die altehrwürdige Zeitschrift ct im Heise-Verlag testet so, viele Affiliates nutzen ebenfalls ein ähnliches Modell. Allerdings war Performance nicht Kriterium bei der Vogel-IT-Wahl zur Wahl zum „besten Providers“. Es zählten nur die abgegebenen Stimmen. In der Praxis fordern die Provider ihre Kunden auf, sich beim Voting zu beteiligen, so dass hier die Größe der Kundenbasis des Providers und seine Mobilisierungsfähigkeiten entscheidend sein dürften.

Keine Website-Baukästen dabei

Während es Preise für die Kategorie Domains gab (mit den Preisträgern InternetX, United Domains und domainFactory), findet man erstaunlicherweise keine Kategorie wie „Applikation“, „SaaS“ oder „Homepagebaukasten“. Hier hätte ich Player wie Jimdo, Wix, Squarespace erwartet. Letztgenannter Anbieter gehört derzeit zu den am schnellsten wachsenden Anbietern und sie bestimmen die Entwicklung des Marktes in diesem Kundensegment einigermaßen. Dieses Kundensegement wird gelegentlich auch als Do-it-yourself-Segment (DIY) angesprochen.

Und auch dieses Segment hat besondere Herausforderungen: Man kann starke Entwicklungen von WordPress in Richtung Homepagebaukasten erkennen, vor allem angesichts der Anstrengungen seitens WordPress um den neu entwickelten Gutenberg-Content-Editor, der mit WordPress ausgeliefert wird. Er bietet Merkmale und Features, die man bislang in den typischen Baukästen vorgefunden hatte. Wenn man sich die aktuelle Nutzung der verschiedenen Content Management Systeme ansioeht, mit denen Websites realisiert worden sind, fallen einige baukastenartige Anbieter auf:

CMS Lizenz Sites mit CMS CMS Marktanteil
WordPressOpen Source34,0% 60,8%
JoomlaOpen Source 2,8% 5,1%
DrupalOpen Source 1,9% 3,3%
ShopifyProprietär 1,6% 2,8%
SquarespaceProprietär 1,5% 2,8%
WixProprietär 1,1% 1,9%
MagentoOpen Source 1,0% 1,7%

Quelle: w3techs, Juni 2019

Auch wenn das allgegenwärtige WordPress (wordpress.org und wordpress.com) die Szene der Content Management Systeme dominiert, fallen Anbieter von Baukästen auf: Shopify, Squarespace und Wix. Das deutsche Jimdo kommt in der w3techs-Analyse im Juni 2019 in der weltweiten Betrachtung auf 0,2 Prozent bzw. 0,3 Prozent Anteil am CMS-Markt. Fokussiert auf Deutschland dürfte der Anteil viel höher sein. Zwar haben die Baukästen den Nachteil, Komfort mit eingeschränkten Konfigurations-, Individualisierungs- und Weiterentwicklungsmöglichkeit zu erkaufen.

Bei dem Vorhaben, möglichst schnell mit wenig Personalaufwand eine Website online zu bringen, sind Baukästen jedoch unschlagbar und man muss sich als Nutzer um nichts weiter als die Inhalte kümmern. Schließlich lassen sich Einsteiger gerne von optischen oder ästhetischen Prinzipien leiten, wenn sie eine Website planen und zum ersten Mal umsetzen. Dies wird mit fertigen Vorlagen (Templates) bedient. Die Feinheiten lernen die Kunden erst im weiteren Projektverlauf kennen – oder geben mittelfristig entnervt oder frustriert auf. Eine Übertragung der bereits erstellten Inhalte von Baukasten zu Baukasten ist jedoch nicht so ohne weiteres möglich. Wer den Baukastenanbieter wechseln will oder dann doch ein CMS wie WordPress einsetzen möchte, von bei nahe Null an.

Angst vor Hyperscalern

Statt einer Kategorie für Homepagebaukästen gibt es für den HPSSummit-Award noch feinere Unterteilungen in VPS, Decidcated Server, Application Hosting, Managed Hosting und Exchange Hosting. Die Veranstaltung, anlässlich der auch die Verleihung der Preise in Frankfurt am Main stattfand, bestand aus einem Konferenzprogramm, das dem Motto „Host. Provide. Futurize.“ folgte und Fragen diskutierte, wie Unternehmen der Provider-Branche neben Hyperscalern (Google Cloud, AWS, Azure) noch bestehen können. Die Zielgruppe besteht aus nach Angaben der Akademie aus „Vorständen und Geschäftsführern marktbedeutender“ Provider. Für eine Teilnahme werden regulär 550 bis 750 Euro berechnet, „VIPs“ zahlen auf Einladung 200 Euro, wenn sie sich darauf committen, an drei „Matchmaking-Terminen“ teilzunehmen.

Ich frage mich, ob so viel Angst vo Hyperscalern eigentlich noch angebracht ist: Einerseits redet die Cloud-Welt überall von „Multi-Cloud“, also dem Bestreben, das beste aus allen Welten zu nutzen und sich nicht auf einen Cloud-Provider festzulegen. Zudem erlebt das offene Web derzeit eine kleine Renaissance, in Folge der Social Media Krise: Viele Inhalteanbieter merken, dass sie Facebook und auch Youtube wohl zu viel Vertrauen entgegen gebracht haben. Als Content Creator ist man auf diesen sozialen Plattformen Teil des Produkts, aber keinesfalls Kunde. Man kann sich gegebenenfalls als Inhalteanbieter echauffieren, wenn Beiträge oder ganze Profile wegen angeblicher Verstöße gegen schwammige Communityregeln gelöscht werden. Eine echte und praktikable Handhabe dagegen gibt es allerdings nicht. Viele Influencer haben das inzwischen selbst erlebt: Wenn weg, dann weg.

Inhalte unter eigener Domain sind nicht so leicht aus dem Web zu entfernen. Dafür müssen schon echte Verstöße gegen geltendes Recht nachgewiesen werden. Das veranlasst viele dazu, eigene Inhalte verstärkt unter dem eigenen Dach, sprich: Domainnamen, zu veröffentlichen.

Ähnlich sehen das viele kleinere Händler, die etwas sehr in die Abhängigkeit der Marktplätze geraten sind und wieder mehr in ihren eigenen Shop investieren.

KI treibt die Innvotion voran, doch Mittelständler und Kleinstunternehmen haben nicht die Masse an Daten, die dafür gebraucht werden

Dennoch gibt es einiges zu tun, was die Entwicklung neuer Services angeht. Aktuell erscheinen vielen die Hyperscaler so bedrohlich, weil sie schier unbegrenzte Ressourcen liefern können. Allerdings bieten AWS, Azure und auch Google Cloud viele Services, die man im Cloud-Kontext nutzen kann, ohne virtuelle Server buchen zu müssen: „Serverless“-Dienste, die „native Cloud“-Anwendungen erst wirklich möglich machen.

Diese Services für KI, Datenanalyse und vergleichbare Anforderungen fehlen bei den Unternehmen, die aufholen wollen. Einfach nur auf Silizium und Metall zu setzen und bloße Rechen- und Speicherkapazitäten anzubieten, wird nicht reichen, um Kunden davon abzuhalten, ihre Datenseen bei AWS zu füllen.

Vermutlich werden die Grenzen mittelfristig weiter verschwimmen: Wer heute ein selbstgehostetes WordPress aufsetzen will, kann dies auf einem typischen Hosting-Paket bei einem regionalen Provider vornehmen oder kurz einen fertigen Bitnami-Stack bei AWS platzieren. Noch existieren hier einige Komfort- und Preisunterschiede, doch man kann damit rechnen, dass sich dies weiter nivelliert. Shared Hosting ist zumindest in Deutschland recht günstig verfügbar und bietet zwar eingeschränkte Zugriffstiefe und damit weniger Felxibilität, ist aber in der Praxis problemlos, auch wenn man als Betreiber keine Betriebssystem- oder Netzwerkkenntnisse hat.

Einige Provider, die im Segment Shared Hosting aktiv sind, haben die einfachen Produkte bereits so aufgebohrt, dass performancebestimmende Ressourcen garantiert werden können und jederzeit verfügbar sind und nicht mehr wie im einfachsten Fall je nach Anforderung verteilt werden. Damit werden die featuremäßigen Abstände zu der Kategorie VPS oder virtuelle Cloud-Server kleiner.

Überhaupt sieht es aus als ob die Entwicklung neuer Produkte im Cloud-Bereich stark von Künstlicher Intelligenz getrieben wird, weniger von Web Publishing oder E-Commerce. In diesem Bereich spielen allerdings – noch – wenige Kleinunternehmen, sofern sie nicht darauf spezialisiert sind, mit. KI-Methoden wie Maschinelles Lernen oder Modellfindungsalgorithmen bauen auf große Mengen an Daten aus Prozessen oder Sensoren. Kleinunternehmen und Alleinunternehmen haben diese schlicht nicht.

Fazit

Die Entwicklung der Hostingproviderbranche war bis etwa 2012 stark von Webpublishing getrieben. Das heißt, es ging den nutzenden Kunden vorrangig darum, Inhalte im Web zur Verfügung zu stellen und einige Userinteraktionen zu ermöglichen. Der klassische Onlineshop ist eine Variante davon. Heute ist Big Data der große Treiber: Hyperscaler wie zuerst AWS haben die Grenzen dedizierter Server überwunden. Rechenkapazität und Speicherbedarf ließen sich wahlweise buchen und nach Nutzungszeit abrechnen.

Inzwischen bieten die Cloud-Provider alle möglichen Service, unter anderem für Sprachanalyse, Mustererkennung, überhaupt für Maschinelles Lernen und KI-Anwendungen. Amerikanische Provider sind hier führend, chinesische Anbieter holen auf, europäische Anbieter setzen aktuell mit ihren Produktangeboten noch sehr auf Metall und Silizium. Die Bedeutung von KI geht im Gebrabbel um die ‚Digitalisierung‘ unter.

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